Teures Buch über preiswerte Aquaristik

Für wenig Geld viel Aquarium?

Miserabler Titel - Roland Rieß
Miserabler Titel - Roland Rieß
Die Idee zu einem solchen Buch ist gut, denn alle müssen sparen, auch am Hobby. Ob das Buch hält, was es verspricht, ist hier zu lesen.

Die Pflege eines Aquariums als Freizeitaktivität ist ein verhältnismäßig preiswertes Hobby. Jedenfalls im Vergleich beispielsweise zum Reiten oder Golfen. In einer Zeit von knapper Haushaltskassen wäre ein Ratgeber für preiswerte Aquaristik dennoch willkommen. Der Autor Roland Rieß, nach eigenen Angaben ein Aquarianer mit vierzig Jahren Erfahrung, hatte also eine gute Idee. Offensichtlich wollte kein Verlag das Manuskript in ein Buch umsetzen, so dass der Autor den Weg des book-on-demand im Selbst- oder Eigenverlag gewählt hat. Was ist dabei herausgekommen?

Ein Buch über preiswerte Aquaristik?

Ein Paperback im Format 17 × 21 cm mit 96 Seiten. Das Titelbild und zwei Innenfotos sind farbig, der Rest sind einige Fotos in Schwarz-Weiß und Skizzen. Der Text ist eine serifenlose Schrift mit ziemlich langen Zeilen und weiten Abständen dazwischen. Für die Umschlaggestaltung, Satz und Layout zeichnet im Impressum ein Buchhelfer verantwortlich, hinter dem der Autor selbst steckt.

Der Inhalt des Buches befasst sich mit Aquarienkunde für Anfänger, denen versprochen wird, wenn sie die Ratschläge und Tipps des Autors befolgen, das Hobby Aquaristik erfolgreich betreiben werden. Die Themen sind folgerichtig das Aquarium selbst, seine Beschaffung und Aufstellung, die Beckeneinrichtung und Bepflanzung, Filtertechnik, Heizung und Beleuchtung. Eine Besonderheit ist, das in einem Anhang aquaristische Artikel von einem namhaften Hersteller nach Tests durch den Autoren bewertet werden. So weit so gut.

Marcel Reich-Ranicki würde sagen: Ein furchtbares Buch

Dem deutschen Literaturpapst ist es erspart geblieben, dieses Buch lesen zu müssen. Das ändert am Urteil nichts: Es ist ein furchtbares Buch. Das beginnt schon beim Titelbild, welches aquarienfotografisch eine Katastrophe und drucktechnisch eine Zumutung ist. Dem marmorierten Fadenfisch wurde die Schnauze abgeschnitten und das Bild besteht vorwiegend aus Rauschen und Pixeln. Der Schreibstil des Autors ist gewöhnungsbedürftig und entspricht eher dem, was man in Internetforen oft zu lesen bekommt: „Krasse“ Umgangs-, aber keine Schriftsprache. Gleichermaßen verhält es sich mit der „kreativen“ Rechtschreibung und Zeichensetzung des Buchtextes. Die gewünschte Lockerheit artet nur zu oft in geschwätziges Geschwafel aus. Manche Sätze sind einfach unsinnig oder schlichtweg falsch. Nur einige Beispiele:

S. 21 „Ich vermute allerdings, dass es, wo es keinen Sand gibt, auch keinen feinen Kies gibt“

S. 63 „Bei den Lichtfarben gibt es keine Unterschiede“

S. 64: „… da unser Auge nur drei Farben unterscheiden kann.“

Andere Sätze sind nur belustigend:

S. 56 „Niemals kochendes Wasser auf Tiere schütten!“ – gut zu wissen.

S. 67 Man höre und staune: „Offenes Feuer – absolut ungeeignet zur Aquarienbeleuchtung“

Nach Ansicht des Autors kann man sparen, indem man sich Aquarien vom Sperrmüll besorgt. Das mag noch angehen, aber Filterschaum aus alten Matrazenschäumen zu rekrutieren, ist schon sträflicher Leichtsinn. Der Unterschied zwischen offen- und geschlossenporigem Schaum scheint dem Autor unbekannt zu sein. Das nicht nur von ihm beschworene sogenannte biologische Gleichgewicht ist ein Märchen, welches weder in der freien Natur noch in aquaristischen System wahr ist. Das Pflanzen Licht völlig anderes verwerten als wir es sehen, ist Stoff eines fundierten Biologieunterrichts, der vielen „Experten“ im Internet ganz offensichtlich gefehlt hat. Warum ausgerechnet Corydoras napoensis als Anfängerfisch empfohlen wird, bleibt offen; als „Blauer Fadenfisch“ ist die marmorierte Zuchtform abgebildet. Die Aufzählung von gefährlichem Halbwissen und dessen unausgegorener Darstellung in diesem Buch ließe sich fortsetzen. Über den Wert der Bewertung der aquaristischen Geräte im Anhang braucht man dann auch kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Schlimm genug, dass eine renommierte Aquaristikfirma dafür Gerätschaften gespendet hat. Hoffentlich kommt es nie zu den angekündigten weiteren Bänden.

Preiswerte Aquaristik: Dieses Buch nicht kaufen.

Die Spartipps des Buches beschränken sich letztlich darauf, im Internet zu recherchieren, sich aquaristische Geräte schenken zu lassen, zweifelhafte Basteltricks und doch den Fachhandel nicht zu vernachlässigen. Einige brauchbare Ansätze gehen dabei im vollmundigen, aber leeren Geschwafel unter. Am besten spart der Aquarianer, in dem er sich dieses Buch spart. Weder Inhalt, Ausstattung oder Herstellungskosten rechtfertigen diesen Preis. Wer es schon hat, möge es ganz oben ins Regal stellen, damit keiner mehr heran kommt.

Roland Rieß: Aquaristik preiswert. Tipps und Tricks um für wenig Geld viel Aquarium zu bekommen. Band 1. Books on Demand Norderstedt 2009. Paperback, 96 Seiten, Euro 19,90.

Gerhard Ott, Annegret Ott

Gerhard Ott - Ott, Gerhard Manchmal genutztes Pseudonym: Perdurus Eus *11. Febr. 1954 in Walsum am Niederrhein, Studium Erziehungswissenschaften ...

rss
Hilfreich?